Leseprobe Blut um Mitternacht

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Prolog I

Ich bin an den Ort zurückgekehrt, an dem mir das Leben damals zeigte, dass nicht alles so ist, wie es zu sein scheint. Es hatte mich einen Blick zwischen Himmel und Erde werfen lassen, wo die Dinge liegen, die die meisten Menschen für unmöglich halten. Genau wie ich es auch tat, bis zu dem Moment, als er mir die ganze Wahrheit offenbarte und mein Leben für immer veränderte. 
Seitdem war nichts mehr, wie es einmal war. Seine Warnung wollte ich damals nicht hören und die Konsequenzen musste ich bis heute tragen. Er verließ mich – gleichgültig was ich dabei empfand. Normalerweise sollte ich ihm nicht eine Träne nachweinen, doch gefühlt hatte ich bereits einen Ozean vergossen. Erst hob mich die Liebe in den Himmel empor, um mich dann im freien Fall in die Tiefe stürzen zu lassen. Dieser Aufprall brach mein Herz. 
Mit der Zeit ist es irgendwie zusammengewachsen, aber eben nicht richtig. Schmerzhaft pulsiert es in meiner Brust und schränkt mich in meinem Leben ein. Nun ist es an der Zeit, diese Wunde zu heilen. Wie bei einem falsch zusammengewachsenen Knochenbruch muss ich mein Herz erneut brechen, damit es diesmal richtig zusammenwachsen kann. Heute Abend werde ich ihn noch einmal lebendig werden lassen. Meinem Herz und meiner Seele die Möglichkeit geben, sich für immer von ihm zu verabschieden.
Darum bin ich hierher gekommen. In das kleine Hotel direkt am Strand. Schon einmal nahm mein Leben hier eine entscheidende Wendung und ich hoffe, dass es dies abermals tun wird, denn so kann es nicht mehr weitergehen. Jeden Moment Luft zu holen, ohne zu wissen, warum. Die Welt um sich herum wahrzunehmen, aber keine Begeisterung oder Faszination dafür empfinden zu können. Selbst jetzt, als ich auf den Balkon hinaustrete und sehe, wie die Sonne in einem roten Farbenspiel im Meer untergeht, spüre ich nur wieder diese Leere in mir. Und wie jeden Abend, wenn der Tag sich verabschiedet und die Nacht hereinbricht, kommt mit ihr die Sehnsucht, der Schmerz, die Hoffnung. 
»Wo bist du?«, flüstere ich in die aufkommende Dunkelheit hinein. »Komm zurück.«
Aber meine Frage und Bitte bleibt wie immer ungehört. So wird es für immer sein. Es ist an der Zeit, dies endlich zu akzeptieren.
Entschlossen drehe ich mich um und schaue in das Hotelzimmer vor mir. Doch als mein Blick auf den Pappkarton fällt, der in der Mitte auf dem Boden steht, regen sich sofort die ersten Zweifel. 
»Gib nicht auf, Claire. Such weiter nach ihm.« Es ist mein Herz, das da spricht. Wenn ich mein Leben wieder leben will, bleibt mir nichts anderes übrig, als es einfach zu ignorieren. 
Und so gehe ich in das Zimmer zurück. Die Balkontür lasse ich angelehnt, damit die Wärme des Tages mit der kühlen Luft der Nacht tauschen kann. Ich nehme mir ein kleines Kissen von dem Sessel in der Sitzecke und stelle die Stehlampe näher an den Karton heran. Über den Dimmer dämpfe ich das Licht ein wenig, sodass es sich gemütlich im Raum verteilt. Für einen Moment komme ich der Versuchung nahe, mir einen Schnaps aus der Minibar zu holen, entscheide mich aber dagegen, da ich jetzt einen klaren Kopf brauche. Ich lege das Kissen vor den Karton auf die Erde und knie mich darauf. Allein die Vorstellung, gleich den Deckel abzuheben, treibt meinen Puls in die Höhe, denn der Inhalt kommt einer persönlichen Zeitmaschine gleich. All die Gegenstände darin sind Erinnerungen an ihn. An unsere gemeinsame Zeit. Die Vergangenheit wird zur Gegenwart werden. 
Mit einem tiefen Atemzug nehme ich den Deckel ab. 
Ganz oben auf, neben zwei Tablettenschachteln, liegt mein Tagebuch. Vorsichtig hole ich es heraus und streiche mit meinen Fingern über den braunen Ledereinband. Es hatte meine glücklichen Momente mit mir geteilt, mich aber auch oft vom Schmerz befreit. Als sei es erst gestern gewesen, sehe ich mich mitten in der Nacht am Küchentisch sitzen und all meine damalige Verzweiflung niederschreiben. Damals legte ich den Zeitungsausschnitt von unserer kleinen Stadtzeitung zwischen die Seiten, wo er bis heute war. Ich ziehe ihn heraus und falte ihn auseinander. Das Foto der zerrütteten Villa versetzt mir einen ersten Stich. So hatte alles seinen Anfang genommen. Mit ansteigendem Herzschlag fange ich an zu lesen.

Alte Herrenhausvilla samt Land verkauft
»Jetzt ist es amtlich, die Verträge sind unterschrieben«, verkündete gestern Bürgermeister Reihmann freudestrahlend der Presse und seinen Ratsmitgliedern. »Die alte Villa ist mit ihrem gesamten Grundbesitz verkauft worden. Es ist ein Freudentag für unsere Stadt«, jubilierte Reihmann.
Schon seit vielen Jahren steht die Villa, die außerhalb der Stadt liegt, leer. Lange wurde angestrebt, das Objekt samt Land zu verkaufen, doch bisher hatte sich kein Käufer für das Haus mit dem riesigen Grundbesitz finden lassen. Die letzten Renovierungsarbeiten liegen Jahre zurück. Demnach befindet sich die Villa, die Anfang des achtzehnten Jahrhunderts gebaut wurde, in keinem guten Zustand. Aber wie der Bürgermeister heute mitteilte, werde der neue Besitzer die Villa komplett restaurieren lassen. Reihmann sagte weiter: »Dass wir den kompletten Grundbesitz doch noch verkaufen würden, daran hätte wohl keiner mehr geglaubt. Vielleicht zieht es so noch mehr wohlhabende Leute in unsere bescheidene Gegend.«

Damit beginnt meine Reise in die Vergangenheit …

1

...
»Wieso hast du nicht auf dein Gefühl gehört und die Einladung abgesagt, Claire Martens?«, rügte ich mich selbst. Von Anfang an war dieser Abend zum Scheitern verurteilt gewesen und wie dieser nun enden würde, mochte ich mir lieber nicht ausmalen. Warum hatte ich nicht einfach meinen verdammten Mund gehalten? 
Nervös lauschte ich in unsere kleine Wohnung hinein, aber noch war alles ruhig, bis auf das gleichmäßige Ticken der Küchenuhr. Es war kurz nach Mitternacht. Mein Blick blieb für einen Augenblick auf dem Foto haften, das direkt darunter hing. Es zeigte meinen Freund Markus und mich in glücklicheren Tagen. Dieser Mann, der mich so verliebt anschaute, mich mit dem strahlendsten Lächeln in den Armen hielt, war nicht der Markus, der mich heute zu dem Abendessen meiner besten Freundin Stella begleitet hatte. Aber ich hätte es wissen müssen. Schon als ich ihm von der Einladung erzählte, war er wenig begeistert gewesen. Wie er sagte, ginge ihm dieses »Heile-Welt-Getue« gehörig auf die Nerven. Am Ende ist er dann nur mitgekommen, weil ich ihn darum gebeten habe. 
Ich hörte die Klospülung und die Badezimmertür klackte. Mein Herzschlag nahm an Geschwindigkeit zu. Schnell stand ich vom Küchenstuhl auf und überlegte fieberhaft, was ich tun könnte, damit die Situation jetzt nicht eskalierte. 
Markus trat mit gerötetem Gesicht in die Küche. Der Wein sowie die Biere nach dem Essen entfalteten ihre Wirkung nicht nur in seiner Blutbahn. Etwas unbeholfen machte er sich den Hosenstall zu. 
»Also jetzt noch mal. Was sollte das eben auf dem Nachhauseweg heißen, von wegen, ich hätte freundlicher sein können?«, seine Stimme klang noch immer gereizt.
Ich winkte mit den Händen ab. »Vergiss es einfach. Es ist schon spät und ich würde jetzt gern ins Bett gehen.«
Da Markus genau in der Küchentür stand, war das leichter gesagt, als es umzusetzen war. 
»Nee, Claire, so läuft das nicht. Du kannst mir nicht irgendwelche Vorwürfe an den Kopf knallen und dann verschwinden. Ich will jetzt sofort wissen, was du damit gemeint hast.«
Nach der Vorspeise und dem bereits zweiten Glas Wein hatte Markus sich darüber ausgelassen, wie sehr er doch die Menschen verabscheute, die alles von ihren Eltern in den Allerwertesten gesteckt bekommen. Da Stella und ihr Freund Marcel stets von ihren Eltern unterstützt wurden, war das mehr als unangebracht. Aber wahrscheinlich hatte Markus es genau deswegen getan. Nachdem Stella dann den eigentlichen Grund für die Einladung bekannt gegeben hatte, nämlich, dass sie ein Baby erwartete, hatte Markus sich das Lachen gerade noch so verkneifen können, und nach dem vierten Bier hatte er Marcel aufrichtig sein Beileid ausgesprochen. 
Unter den zusammengezogenen Brauen verengten sich Markus’ Augen immer mehr, darum antwortete ich schnell. 
»Die beiden bekommen ein Baby. Das ist etwas ganz Wundervolles. Du hast es so dargestellt, als wäre ihr Leben damit vorbei.«
Unter seinem eng anliegenden T-Shirt konnte ich erkennen, wie sich seine, nicht ganz unbeachtlichen, Muskeln anspannten.
»Darf ich jetzt nicht mehr meine eigene Meinung haben oder was soll das bedeuten?«, schrie er mich an.
Instinktiv ging ich ein paar Schritte zurück. 
»Natürlich, aber du weißt, wie wichtig Stella für mich ist. Das eben war einfach nur peinlich von dir.« 
Zu spät. Jetzt half es auch nicht mehr, dass ich meine Hand vor den Mund schlug. Die Worte waren bereits über meine Lippen und hatten den Empfänger erreicht. Auf eine Reaktion musste ich nicht lange warten. Wutentbrannt donnerte Markus seine Faust auf den Tisch, sodass die Kaffeetassen, die noch vom Frühstück dort standen, leicht abhoben.
»So ist das also, ich bin dir peinlich. Reicht dir der einfache Mann von der Tankstelle nicht mehr? Denkst wohl auch, du bist was Besseres, genau wie deine tolle Freundin mit ihrem Lackaffen von Freund!«
An Markus’ Stimme konnte ich hören, wie geladen er war. Doch was mir wirklich Angst machte, war der Blick seiner Augen. Weit aufgerissen funkelten sie mir in diesem Glanz entgegen, der ankündigte, dass er kurz davor stand, die Kontrolle zu verlieren. 
»Nein, Markus, das meinte ich nicht. Sie haben sich nur so gefreut und ich wollte nicht, dass du ihnen Angst vor der Zukunft machst.« 
Seine Lippen pressten sich aufeinander und zogen sich zu seiner Nase hoch. Ich wich noch weiter zurück, wobei ich gegen die Spüle stieß. Scheppernd fiel hinter mir unser dreckiger Geschirrturm um. Ehe ich es richtig registrierte, griff sich Markus den Aschenbecher und warf ihn nach mir. 
»Jetzt hast du einen Grund, Angst zu haben«, kreischte er mich an, während die Keramikschale gegen den oberen Küchenschrank donnerte und ein Regen von verbrannten Kippen und Scherben auf mich niederging.
Tränen schossen mir in die Augen. Wutentbrannt stürzte Markus auf mich zu. Schnell senkte ich meinen Kopf und schützte mein Gesicht mit den Händen. So fest ich konnte, kniff ich meine Augen zusammen und konzentrierte mich nur auf die Dunkelheit, die meinen Geist in eine andere Wirklichkeit trug. Mehr konnte ich nicht tun. 
Grob wurden meine Hände zur Seite gerissen. »Guck mich an!«
Aber ich konnte nicht. Die Angst hatte meinen Körper fest im Griff, sodass ich zu keiner Regung mehr fähig war. 
»Du sollst mich angucken, habe ich gesagt!«
Kräftig krallten sich zwei Hände in meine Schultern und schüttelten mich so stark, dass meine Bewegungsfähigkeit wieder einsetzte. Ich öffnete meine Augen und blickte genau in seine, die vor Zorn glühten. Eine Hand löste sich von mir, ballte sich zur Faust, bereit auszuholen.
»Bitte nicht, Markus«, flehte ich ihn unter Tränen an. »Ich habe es doch gar nicht so gemeint.«
Sein Brustkorb hob und senkte sich wie nach einem Wettrennen. Zitternd schwebte die Faust neben seinem Gesicht, löste sich dann aber auf, um mich grob am Kinn zu fassen. Brutal riss er es nach oben, während mir seine Finger die Haut zusammenquetschten.
»Frag mich nie wieder, ob ich dich irgendwohin begleite«, spie er mir ins Gesicht. Die Speicheltropfen, die aus seinem Mund sprühten, brannten wie Feuer auf meiner Haut. »Du bist so ein undankbares Miststück.« Voller Kraft stieß er mein Kinn zur Seite und verschwand mit lautem Türknallen im Schlafzimmer. 
Das Ticken der Uhr war das einzige Geräusch, das noch zu hören war. Weinend rutschte ich am Küchenschrank hinunter. Vergrub meinen Kopf zwischen den Knien und heulte mein ganzes, verfluchtes Leben aus mir hinaus.
Erst als ich kaum noch Luft bekam, stand ich auf, um auf wackligen Beinen ins Bad zu gehen. In meinem Kopf drehte sich alles. Gedanken und Gefühle wirbelten wild durcheinander, aber am meisten setzte mir die Scham, so behandelt zu werden, zu. Ich knipste das Licht an und benetzte mein Gesicht mit einem Schwall Wasser. Der Kälteschock zentrierte meine Gedanken wieder ein wenig und beruhigte auch meinen Körper etwas. Noch schwer atmend, aber nicht mehr ganz so zittrig, blickte ich in den Spiegel. Auf meinem blonden Haar lag ein grauer Schleier aus Asche, der den goldenen Glanz erstickte. In der Hochsteckfrisur hatten sich überall die Kippen verfangen.
Vorsichtig zog ich die einzelnen Haarklemmen heraus. In leichten Locken fiel mir mein Haar bis zur Taille hinab, während sich der Inhalt des Aschenbechers und ein paar Scherben von diesem leise auf den weißen Badezimmerfliesen verteilten. Leer blickten mir blaue Augen aus dem Spiegel entgegen. Die Auswirkung der Demütigung hatte sich mir buchstäblich ins Gesicht gemalt. In dunklen Ringen sammelte sich die schwarze Schminke unter meinen Augen, um in schmalen Streifen nach unten über meine Wangen zu verlaufen. Noch immer schien es mir, als blicke mir das zierliche Gesicht eines Mädchens entgegen, nicht das einer Frau Mitte zwanzig. Wütend griff ich mit den Händen in mein Haar, bauschte es immer wieder auf, so doll bis die Kopfhaut schmerzte. Wild stand es in allen Richtungen ab, aber wenigstens hingen jetzt keine Zigarettenstummel mehr darin. Diesen Anblick konnte ich nicht mehr länger ertragen. Angewidert wendete ich mich von mir selbst ab. 
Den Dreck ließ ich auf dem Boden liegen. Sollte Markus sich doch am Morgen darüber aufregen. Es war mir egal geworden. Ich schaltete das Licht aus und schlurfte von Gleichgültigkeit erfüllt zurück in die Küche. Dort setzte ich mich an den kleinen Tisch. Hier saß ich oft, wenn das Leben mich an seine Grenzen trieb. Heute hatte es sich anscheinend mal wieder zur Aufgabe gemacht, mir aufzuzeigen, wo ich mich im großen Ganzen befand. Nämlich genau dort, wo ich nie sein wollte. Was war nur aus meinem Leben geworden?
Langsam wanderte mein Blick zu dem Foto unter der Uhr. Es kam mir vor, als sähe ich dort einen fremden Menschen auf dem Bild. War das wirklich ich? Diese glückliche, ausgelassene Frau? Solche positiven Gefühle waren mir vollkommen fremd geworden und existierten nur noch im Fundus meiner Erinnerungen. Genauso, wie mir Markus fremd geworden war.
Auf dem Bild war sein schokobraunes Haar quer in alle Richtungen gestylt und verlieh ihm ein freches Aussehen. Das war es, was ich damals so sehr an ihm liebte. Diese kokette, freche Art. Mit ungeheuer viel Charme setzte er sich über jegliche Regeln hinweg und tat das, was er tun wollte. Er hatte keine Angst vor möglichen Konsequenzen, da er sie nicht einmal in Betracht zog. Während wir Anderen des Nachts noch grübelnd vor dem verschlossenen Schwimmbadtor standen und überlegten, ob wir es wirklich wagen sollten darüberzusteigen, stand Markus schon auf dem Drei-Meter-Turm, bereit hinunterzuspringen. Zu jener Zeit war er der Typ, mit dem man die sogenannten »Pferde stehlen« konnte. Für jeden Unsinn zu haben. Rebellisch und wild, aber auf sehr liebenswürdige Weise.
Davon merkte man heute leider nichts mehr. Wahrscheinlich lag es daran, dass das Leben uns beiden nicht mehr viel Gelegenheit zum Lachen gegeben hatte. Vielmehr schlug es immer wieder erbarmungslos zu und nahm alle Träume mit sich. Träume? Hatte ich überhaupt noch welche? Unbewusst fiel mein Augenmerk auf die Stadtzeitung, die noch vom Morgen auf dem Tisch lag. Als würde mir der Artikel auf der Titelseite genau diese Frage stellen wollen, prangte über dem Bericht das Bild einer alten, heruntergekommenen Villa. Mein größter Traum war es gewesen, einmal Architektin zu werden. Schon als kleines Mädchen übten Häuser eine enorme Anziehungskraft auf mich aus. Ich schaute mir das Bild genauer an. Das Haus kannte ich, zumindest das Grundstück. 
Als Kinder waren mein Bruder und ich einmal dort gewesen, hatten aber keinen Zugang ins Innere des Hauses gefunden. Wir spielten in unserer Kindheit viel in den Rohbauten der Gegend oder schlichen uns durch alte, leer stehende Gebäude. Am Abend in meinem Bett erweckte ich sie zum Leben und stattete die Räume in meiner Fantasie aus. Ich stellte mir dann vor, wie ich dort ein ganz normales Leben mit meiner Familie führte. Wie wir gemeinsam am Tisch zusammen aßen, spielten, lachten. Alles war ordentlich und sauber. Meine Eltern kümmerten sich um mich. Fragten, wie ich mich fühlte oder lasen mir eine Gutenachtgeschichte vor. Leider war die Realität am nächsten Morgen eine andere. Aber mit diesem Elend wollte ich mich jetzt nicht auch noch beschäftigen. Meine Familiengeschichte trug einen wesentlichen Teil dazu bei, dass mein Traum Architektin zu werden auch einer blieb. Mehr brauchte ich heute Abend nicht zu wissen. 
Nun schlug ich mich mit Aushilfsjobs herum, obwohl ich eine abgeschlossene Ausbildung als Bibliotheksassistentin hatte. Aufgrund leerer Stadtkassen konnte ich damals nicht übernommen werden. Da es leider nicht viele Büchereien in unserer Umgebung gab und ich keinen Führerschein hatte, war mein Bewerbungsradius stark eingeschränkt. Darum trug ich nun in den Morgenstunden Zeitungen aus und arbeitete stundenweise als Kellnerin in einer Kneipe. Beruflich wie privat gab es kein Vorwärtskommen für mich. Der Traum, eines Tages vielleicht selbst einmal Mutter zu werden, konnte ich nach diesem Abend ebenfalls begraben. Doch das hielt mich nicht davon ab, mich für Stella zu freuen. 
Wir kannten uns seit der Grundschule und durch sie bekam ich einen Einblick, wie die Welt sein konnte, wenn alles in Ordnung war. Ihr Leben spiegelte das genaue Gegenstück zu meinem wider. Eine große schicke Wohnung, Eltern und Partner, die sie über alles liebten, und nun würde sie ein Baby bekommen. Diese Vorstellung erweckte in mir eine unbekannte Sehnsucht. Ein so kleines Menschenkind in den Armen zu halten, es zu beschützen und zu versorgen, ließ für mich einen neuen Sinn im Leben erkennen. Zeigte mir aber auch gleichzeitig auf, dass ich einer solchen Aufgabe niemals gewachsen war. Ich war ja nicht mal in der Lage, auf mich selbst aufzupassen, was ich gerade wieder eindeutig bewiesen hatte. Kaum dachte ich daran, ging ein nervöses Kribbeln durch meinen Körper. 
Schnell stand ich auf und holte mir eine Zigarette. Während ich sie mir anzündete, suchte ich mir einen Ersatz für den kaputten Aschenbecher. Sofort tauchte Markus’ wutverzerrtes Gesicht vor meinem inneren Auge auf. Am schlimmsten war jedoch die Erinnerung an die geballte Hand. Im Vollrausch hatte er mir zwar schon mal eine Ohrfeige verpasst, aber eine Faust mitten ins Gesicht zu bekommen, war sicher noch etwas ganz anderes. 
So konnte das alles nicht mehr weitergehen. Ich musste eine Entscheidung treffen. Entweder für oder gegen das Leben. Vor dieser Frage stand ich nicht zum ersten Mal, aber jetzt würde ich sie mir zum letzen Mal stellen. Das schwor ich mir. Nicht noch einmal würde ich mich von Markus verspotten lassen, dass ich selbst zu unfähig dazu war, mir das Leben zu nehmen. Sollte ich es nicht schaffen, mein Leben in den Griff zu bekommen, dann würde ich es zu Ende bringen. 
Ich legte die Zigarette auf den Unterteller einer Kaffeetasse und nahm mir einen Stuhl, um besser an den oberen Hängeschrank zu kommen. Dort bewahrten wir unsere Medikamente auf. Einige kleine Schachteln flogen wild durcheinander, aber dann fand ich, wonach ich suchte. Mit zwei Packungen in der Hand stieg ich vom Stuhl und setzte mich wieder an den Tisch. Nervös nahm ich den letzten Zug meiner Zigarette und machte sie dann aus. Im grauen Nebel trieb der Qualm durch die Küche. Betend, dass noch genügend Tabletten drin sein mögen, öffnete ich die Schachteln. Eines war ein starkes Beruhigungsmittel, das andere Schlaftabletten. Beides hatte mir vor drei Jahren ein Arzt verschrieben, nachdem mein Vater gestorben war. Zusammen ergab es noch vierzig Tabletten. Das würde sicher reichen.
Ich packte alles wieder ein und schob die Medikamente in die Mitte des Tischs. Nachdenklich wanderte mein Blick zwischen den Schachteln und dem Zeitungsartikel hin und her. Die Pillen waren mein Weg in die Freiheit. Weg von all dem Schmerz, aber auch das Eingeständnis meiner Niederlage. Der Zeitungsartikel bedeutete weiter zu kämpfen. Sich neue Wunden einzuhandeln, aber am Ende vielleicht zu gewinnen.
Ich griff zu dem Zeitungsartikel. Dieses Haus würde bald aus seinem Dornröschenschlaf erwachen und möglicherweise konnte ich das auch. Eventuell deutete ich die Dinge nur falsch. Sah immer nur das, was ich bisher nicht erreicht hatte und mich in einem Meer aus Selbstmitleid davontreiben ließ. Unter Umständen war dieser Artikel ein Hinweis darauf, dass es nie zu spät war, seine Träume zu verwirklichen. Eine Art Zeichen, was mich daran erinnern sollte. 
Zwei Dinge mussten sich grundlegend in meinem Leben verändern. Zum einen brauchte ich eine vernünftige Arbeit und zum anderen musste sich Markus in seinem Verhalten mir gegenüber bessern. Dies musste ich ihm endlich klarmachen. 
Entschlossen holte ich mein Tagebuch und schrieb all meine Gedanken auf. Dabei nahm meine Seele eine Wechseldusche der unterschiedlichsten Gefühle. Mal heulte der Stift über das Papier und beklagte die immer wiederkehrende Ungerechtigkeit in meinem Leben, dann tröstete er mich, dass alles besser werden würde. Am Ende legte ich den Zeitungsartikel zwischen die Seiten und versteckte mein Tagebuch zusammen mit den Tabletten. Entweder wachte Claire Martens wieder auf oder sie könnte für immer einschlafen. 
Prolog II


»Julien, denk nicht einmal daran«, ermahnt mich meine innere Stimme zum hundertsten Mal. Bis jetzt bin ich stark genug gewesen, immer auf sie zu hören. Doch heute Abend ist es anders. 
Erbarmungslos holt mich die Vergangenheit ein und lässt die Erinnerungen an sie, mein Mädchen, wieder lebendig werden. Ihr Geruch ist überall. Die Bilder in meinem Kopf sind so intensiv, dass ich denke, sie steht neben mir. Wie ein Löwe im Käfig, in den ich mich selbst eingesperrt habe, gehe ich von einer Ecke des Raumes zur anderen. Mit nur einem Ziel, mich aus diesem zu befreien. Ich muss hier raus. 
Hektisch ergreife ich die Flucht. Laufe nach draußen, die dunkle Straße entlang, zu meinem Wagen und fahre mit quietschenden Reifen los, aber es wird nicht besser. Die Sehnsucht nach ihr überrollt mich mit so einer Macht, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen kann. Wenn ich jetzt nichts dagegen unternehme, weiß ich, dass ich etwas Unüberlegtes und vor allem etwas Unverantwortliches tun werde. 
»Erinnere dich an das, was gewesen ist. Warum du sie niemals mehr wiedersehen darfst!«, versucht mich meine innere Stimme erneut zur Vernunft zu bringen. Aber genau das ist es, wogegen sich alles in mir sträubt. Die Erinnerungen sind zu schmerzlich, führen mir die Wahrheit vor Augen, die ich nicht sehen will. Verzweifelt drücke ich das Gaspedal weiter durch, rase wie besessen die Landstraßen entlang, aber so schnell ich auch fahre, ich kann meinen Gefühlen nicht entkommen. 
Einige Autos vor mir, die sich im Gegensatz zu mir an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halten, drosseln mein Tempo und ich komme wieder etwas zur Besinnung. Es hat keinen Zweck mehr. Ich kann nicht länger vor der Vergangenheit davonlaufen. An einem Waldweg biege ich ab, fahre das Auto rechts ran und steige aus. Für einen Moment stehe ich einfach nur da, starre verloren in die Dunkelheit. Umgeben von großen Tannen, die jegliches Mondlicht in sich aufsaugen. Die kühle Nachtluft vermischt sich mit dem Geruch von Wald und feuchter Erde. Vor mir liegt ein Weg, der schon nach wenigen Metern komplett von der Finsternis verschluckt wird. Wo er hinführt, ist mir gleich, denn mein eigentlicher Weg führt nicht durch den Wald, sondern zu mir selbst. Ich muss sehen, was ich getan habe, damit ich in mein Auto steigen und diesen Ort für immer verlassen werde.
Meinen Blick nach innen gerichtet, gehe ich langsam los und beginne gedanklich die Zeit zu wechseln. Wie aufsteigender Nebel, der sich gemächlich und weit seinen Weg nach oben bahnt, kommen die Erinnerungen zurück. Alles nahm seinen Anfang, als ich in New Orleans an meinem Schreibtisch saß …
2

War es ein Wink des Schicksals, dass er anscheinend meine Spur aufgenommen hatte und davor stand mich zu finden? Jetzt, da sich in meinem Leben eine unüberwindbare Leere ausbreitete? Ich war auf der Suche, wusste aber selbst nicht genau wonach. Nach etwas Glück? Zufriedenheit? Gab es das überhaupt noch für mich? 
Immer darauf bedacht, dass er mich nicht fand, reiste ich von einem Land ins andere. Von einer Stadt in die nächste. Doch nirgendwo stellte sich eine innere Ausgeglichenheit oder Ruhe ein, nach der ich mich so sehr sehnte. Am Ende ließ ich mich wieder in der Stadt nieder, die mir am meisten mit dem Wort »Heimat« verbunden war. New Orleans. Meine heimliche Geliebte. Eine wundervolle Stadt, voller Leben und Mysterien. Der ideale Ort für mich, um unterzutauchen. Zwar wurde mir schwer ums Herz, wenn ich daran dachte, mein wundervolles Haus, hier im Garden Distrikt, aufgeben zu müssen, aber es war nicht nur mein Verfolger, der mich dazu trieb, all das hinter mir zulassen. Dieses schnelle und vor allem laute Treiben einer Großstadt war mir über. Vielleicht bedeutete ein Neuanfang auch, endlich etwas Normalität in mein Leben bringen zu können. Es war an der Zeit, »Lebewohl« zu sagen. Aber wohin sollte ich gehen? 
Um besser nachdenken zu können, schloss ich meine Augen. Wieder kam die Stimme meines Vertrauten in mein Gedächtnis zurück, als er gestern Abend auf meinem geheimen Handy anrief.
»Julien, du musst verschwinden. Ich glaube, er hat dich gefunden.«
Mehr Worte waren nicht nötig und das Gespräch damit beendet gewesen. Mein Anwalt hatte den Makler, der mein Haus verkaufen würde, schon informiert. 
Sollte ich zu meinen Ursprüngen zurück? Nach Frankreich, wo ich das Licht der Welt erblickte? Nein, zu viele Jahre hatte ich bereits dort gelebt. Ich wollte etwas Neues kennenlernen. Solange meine Mutter lebte, war sie der wichtigste Mensch in meinem Leben gewesen. Sie war gebürtige Deutsche, wurde in diesem Land groß und verließ es erst, als sie meinen Vater heiratete. Zurück zu ihren und auch irgendwie meinen Wurzeln? Deutschland? In mir machte sich eine ungewohnte Aufregung breit, was ich als Zeichen für die richtige Entscheidung deutete. Ich lehnte mich in meinem großen Ledersessel zurück und griff zum Telefon.
»Edward, kommst du bitte in mein Büro. Ich muss mit dir sprechen.«
»Diesen Unterton in deiner Stimme kenne ich zu gut und lässt mich nichts Gutes ahnen. Ich bin gleich bei dir.«
Ihm konnte ich selbst durchs Telefon nichts vormachen. Edward war nun schon seit vielen Jahren mein treuer Begleiter. Trotz seines Alters von fünfundsechzig Jahren, erledigte er seine Aufgaben stets zu meiner Zufriedenheit. Er genoss mein vollstes Vertrauen. Nie hätte ich es für möglich gehalten, einem Menschen mein Geheimnis zu offenbaren, aber Edward war etwas Besonderes für mich. Seine ruhige, bedachte und gebildete Art war mir ans Herz gewachsen. Wir konnten nächtelang über die Geschehnisse der Welt philosophieren. Er war ein Mensch durch und durch. Mit all seinen Fehlern und Schwächen, wie jeder sie hatte, aber auch mit seinen Vorzügen. Liebenswürdigkeit, Mitgefühl und Einfühlungsvermögen zeichneten sein Wesen auf außerordentliche Weise aus. Edward war wie ein Vater für mich geworden. Um so mehr betete und hoffte ich, dass er immer die Kraft haben würde, mein Geheimnis zu bewahren. Denn sollte dies nicht der Fall sein, müsste er die Konsequenzen dafür tragen – und diese würde er nicht überleben.
Es klopfte an der Zimmertür und ich bat ihn einzutreten. Im Laufe der Jahre war sein aufrechter Gang gebeugter geworden. Um dies zu kaschieren, benutzte er oft einen auserlesenen Gehstock, den er nun an den Sessel lehnte, bevor er sich setzte. Wie immer war er gut gekleidet. Ganz der Engländer der alten Schule. Seine grau melierten Haare, die stets ordentlich frisiert waren, verliehen ihm einen feschen Charme und unterstrichen sein vornehmes Äußeres. Die Zeit hatte auch auf seinem Gesicht ihre Spuren hinterlassen, aber seine Augen ließen sich davon nicht einschüchtern. Sie strahlten noch immer im schönsten Blau, wie die eines jungen Mannes. Der Geruch seines herben Aftershaves, gemischt mit dem vom Pfeifentabak, erfüllte die Luft. An seinem Blick konnte ich eine leichte Besorgnis erkennen, die leider nicht unbegründet war. Darum begann ich ohne Umschweife zu berichten. »Ich habe gestern aus zuverlässiger Quelle erfahren, dass anzunehmen ist, dass er sich in New Orleans aufhält.« 
»Das trifft mich unerwartet.« Edward versuchte sich nichts anmerken zu lassen, aber mir entging nicht, wie er nervös an seinem grauen Schnurrbart zupfte. 
»Ich möchte kein Risiko eingehen. Wir werden noch heute abreisen, da er uns unter keinen Umständen finden darf.« 
Allein die Vorstellung machte mich so fahrig, dass ich aufstehen musste. Der alte Parkettboden knarrte unter meinen Füßen, während ich um den Schreibtisch herum zu Edward ging. Flüsternd beugte ich mich über ihn und schaute ihm fest in die Augen. »Du weißt, ich habe den Kodex gebrochen. Sollte er das herausfinden, dann stehe Gott uns bei, wenn er uns findet.« 
Deutlich konnte ich Edwards schweres Schlucken wahrnehmen.
»Wo wird es diesmal hingehen?«
»Nach Deutschland. In die Nähe der Geburtsstadt meiner Mutter. Genaueres werden wir während der Reise planen.«
Edwards Souveränität war eine Eigenschaft, die er versuchte niemals abzulegen, aber diesmal übernahm Angst die Oberhand. »Dann werde ich sofort alle nötigen Vorbereitungen treffen, damit wir keine Zeit vergeuden.« 
Mit diesen Worten verließ er mein Zimmer, um den Weg für ein neues Leben zu ebnen.
*
Um unsere Anonymität zu schützen, hielt ich es für das Beste, in einer größeren Stadt unterzutauchen. Eine, die am nächsten an dem Geburtsort meiner Mutter gelegen war. Wir bezogen Quartier in einem vornehmen Hotel. 
Während meiner vielen Reisen war ich schon das ein oder andere Mal in Deutschland gewesen, wo mein Aufenthalt allerdings nie von langer Dauer war. Der Teil des Landes, in dem wir uns jetzt befanden, war mir gänzlich unbekannt. Die Sprache beherrschte ich flüssig, da Deutschland zu einer der reichsten Wirtschaftsnationen zählt. Edward ist auf dem Gebiet der Sprachen ebenfalls sehr bewandert. Seinen englischen Akzent kann er allerdings niemals ablegen, egal welche er spricht. 
Sofort nach unserer Ankunft erkundete ich die Stadt. Leider konnte ich kaum einen Unterschied zu anderen Großstädten feststellen. Lärm, Gestank, Kriminalität. Zu den Sehenswürdigkeiten war ich noch nicht übergegangen. Vielmehr drängte es mich darauf, endlich das Umland zu erkunden und nach einem geeigneten Wohnsitz für uns zu suchen. 
Ich rief Edward an und bat ihn, den Mietwagen für uns bereitzustellen. Damals, als wir uns kennenlernten, stellte ich ihn als meinen Butler ein. Seitdem hat sich sein Aufgabenbereich stetig erweitert. Er kümmert sich um alles, sei es die Verwaltung meiner Häuser, Unternehmungsführung oder Rechtsberatung. Um es so zu sagen, er ist mein Mann für alles. 
Nach kurzer Zeit rief er mich auf meinem Handy an und teilte mir mit, dass alles bereit war. Edward wartete in einem schwarzen Mercedes vor dem Hotel auf mich. Da er meinen Fahrstil als zu »rasant« einstufte, zog er es vor, den Wagen lieber selbst zu fahren. Mit gemächlichem Tempo fuhren wir in die Nacht hinein. Ohne Ziel, einfach die Landstraßen entlang. Schon jetzt war ich begeistert von diesem wunderschönen Land. Bei offenem Fenster wehte mir die warme Luft der Sommernacht ins Gesicht, die mir ein Gefühl von Freiheit vermittelte. Es roch angenehm nach Wiesen und Feldern. Aber da war noch ein anderer Duft. Süßlich, sinnlich, einzigartig. Er ließ mein Herz schneller schlagen. Umso weiter wir die Straße entlangfuhren, desto intensiver wurde er. Zufrieden und mit der Welt im Einklang lehnte ich mich in meinem Sitz zurück und ließ meinen Blick über die herrliche Landschaft gleiten. Zwischen dunklen Tannen zog plötzlich ein altes Eisentor meine Aufmerksamkeit auf sich. Es wurde von zwei steinernen Löwen bewacht, die den Witterungen der Natur nicht mehr hatten standhalten können. Umgeben von Wald, schien dort ein riesiges, verwildertes Grundstück zu liegen. 
»Edward, halte bitte.«
Sofort verlangsamte er das Tempo und der Wagen kam zum Stehen. Wir stiegen aus. Rechts von mir erstreckten sich weite Felder, an dessen Rand die Grillen ihr Nachtkonzert im hohen Gras zirpten und so ihren Teil zur Harmonie der Nacht beitrugen. Ich drehte mich um und auf der gegenüberliegenden Straßenseite warf der volle Mond wie ein Scheinwerfer sein silbernes Licht auf eine alte Villa. Mit steigendem Herzschlag ging ich über die Straße zu dem Tor, um das Haus näher in Augenschein zu nehmen.
Einige Fenster waren eingeschlagen, andere mit Brettern vernagelt und über die einstige Farbe der Fassade, die an allen Stellen abblätterte, konnte man nur noch Mutmaßungen anstellen. Vereinzelte Ziegel hatte der Wind mit sich davongetragen, sodass selbst das Dach der Villa nicht mehr ausreichend Schutz gewähren konnte. Dichtes Unkraut hüllte ihren Grund und Boden wie in eine Decke, als wolle die Natur nicht, dass die Villa friert. Trotz allem ließ sie sich aber nicht ihre Schönheit und Eleganz, die besonders durch die verwinkelten Erker und kleinen Türmchen zum Ausdruck kam, nehmen. Mein Herz erkannte etwas in ihr wieder, was mich an das Zuhause meiner Kindheit erinnerte. 
In diesem Augenblick wusste ich, meine Suche hatte ein Ende. 
»Edward, wir sind angekommen.«
3

Es war leicht, den Besitzer des Grundstücks zu ermitteln, denn es war die Stadt selbst. Im Nu waren die Verträge unterschrieben, da das Anwesen schon lange Zeit zum Verkauf ausgeschrieben war. Bereits bei der Schlüsselübergabe hatte ich die ersten Firmen engagiert und die Renovierungsarbeiten konnten sofort beginnen. Etliche Handwerker arbeiteten Tag und Nacht. Ich hatte keine Kosten und Mühen gescheut, damit mein Heim bald bezugsfähig sein würde. 
Dem Herbst war der Sommer gewichen und bis zum bevorstehenden Winter wollte ich alle Arbeiten abgeschlossen wissen. Um die Vorgänge auf der Baustelle besser verfolgen zu können, waren Edward und ich in ein Hotel unseres zukünftigen Heimatortes gezogen. Eine kleine Stadt mit um die dreißigtausend Einwohner, umgeben von einer idyllischen Landschaft, die durch viele Felder und Wälder gekennzeichnet war. Die Häuser waren hier in Deutschland ganz anders als in Amerika. Besonders gut gefiel mir die Innenstadt. Dort reihten sich alte Fachwerkhäuser dicht an dicht aneinander. 
Abends, wenn ich noch ein bisschen durch die Straßen schlenderte, war alles so ruhig. Die Geschäfte waren geschlossen und die ganze Stadt schien zu schlafen. Mit Einsetzen der Nacht waren hier fast nur noch die Geräusche der Natur wahrzunehmen. Nicht wie in einer Großstadt, wo mit Einbrechen der Dunkelheit, die Alarmsirenen von Polizei und Krankenwagen einsetzten. Es war herrlich. Ich fühlte mich wie ausgewechselt. 
Um diese positive Stimmung noch weiter zu vertiefen, beschloss ich, noch einmal zur Villa rauszufahren. 
Als ich ankam, waren an dem großen, schmiedeeisernen Tor einige Elektriker damit beschäftigt, die Verkabelung für die automatische Öffnung zu verlegen. Die zwei steinernen Löwen, die neben dem Tor auf Säulen saßen, beobachteten die Arbeit noch aus abgesplitterten Augen. Den Auftrag, die beiden Wächter zu restaurieren, hatte ich aber bereits erteilt. Überall waren große Flutlichter aufgestellt, die die Umgebung taghell erleuchteten, damit auch in der Nacht ordnungsgemäß gearbeitet werden konnte. Es war jedes Mal wieder ein erhabener Moment, die Einfahrt entlangzufahren und die Villa vor sich zu sehen. Noch war sie mit einem Baugerüst eingekleidet, aber bald würde der neue Fassadenanstrich fertig sein. Schon jetzt erstrahlte sie in ihrem neuen, weißen Antlitz als Hauptdarstellerin der nächtlichen Bühne. Dieses Haus hatte bereits nach kurzer Zeit mein Herz und meine Seele eingenommen. 
Glücklich schlenderte ich in den hinteren Teil des Gartens, der nun langsam auch als solcher zu erkennen war. Hohe Brennnessel- und Unkrautfelder waren einem planen Boden mit frischer Erde gewichen. Kieswege führten in die alten, dichten Baumbestände hinein, die ich unbedingt erhalten wollte. Der Anblick, der sich mir bot, als ich mich zur Villa umdrehte und sie in ihrem Ganzen vor mir sah, erfüllte mich mit unsagbarem Stolz. Alle Fenster waren hell erleuchtet und die Handwerker arbeiteten eifrig an der Fertigstellung meines Traums. Sie hauchten meinem Haus ein neues Leben ein, genau wie ich dabei war, ein neues einzuatmen.
Auch im Inneren herrschte ein reges Treiben. In einigen Räumen wurde die alte Wandvertäfelung aufgearbeitet, während in anderen Leute damit beschäftigt waren, die alten Tapeten zu entfernen. Wände wurden aufgeschlagen, um neue Strom- und Wasserleitungen zu verlegen und vieles mehr. Alles wirbelte durcheinander. Staub, Farbe, Lärm, Menschen. Im Moment war meine Fantasie damit überfordert, sich vorzustellen, dass hier einmal alles fertig sein könnte. 
Für die Überwachung und Koordinierung der Arbeiten sowie das Umsetzen meiner Wünsche hatte ich drei der besten Architekten angeheuert, aber ich wollte diesmal nicht alles aus den Händen geben. Generell überließ ich es Edward, sich um die personellen Angelegenheiten zu kümmern. Mir fehlten die Zeit und die Muße mich damit zu beschäftigen, doch in diesem Fall hatte ich meine eigenen Vorstellungen. Um das weitere Prozedere diesbezüglich zu besprechen, machte ich mich wieder zurück auf den Weg in unser Hotel. 
Trotz der Uhrzeit hörte ich kurz nach meinem Klopfen schlurfende Schritte hinter Edwards Zimmertür. 
»Julien, wer sonst würde einen alten Herren zu solch nachtschlafender Zeit noch stören«, sagte er mit seiner leicht rauchigen Stimme. »Komm herein.« 
Er deutete mir mit einer Handbewegung in der Sitzecke Platz zu nehmen. In der Luft lag der würzige Duft seines Pfeifentabaks, dessen Rauchschwaden sich im Schein der Lampen zu erkennen gaben. Edward war wie immer zu solch einer Zeit mit einem eleganten Morgenmantel bekleidet, der ihn wie einen englischen Lord aussehen ließ. 
Wir setzten uns und ich unterbreitete ihm mein Anliegen. »Die Arbeiten an der Villa gehen gut voran und ich finde, es ist langsam an der Zeit, sich Gedanken um das Personal zu machen. Diesmal möchte ich damit keine Agentur beauftragen. Mir schwebt vor, dass wir uns selbst Leute aus der Gegend suchen. Vielleicht über ein Zeitungsinserat.«
Genau wie ich es erwartet hatte, zierten nun tiefe, zweifelnde Falten seine Stirn. 
»Bei allem Respekt, Julien, aber das halte ich für keine gute Idee. Über eine Agentur haben wir die Absicherung, qualifizierte und zuverlässige Leute zu bekommen. Außerdem kümmern sie sich um alle Fragen und Probleme, die eine Personalplanung mit sich bringt. Von dem bürokratischen Aufwand einmal ganz zu schweigen. Arbeitsverträge, Lohnabrechnungen, Urlaubsanträge.« Er schüttelte seinen Kopf und nahm einen Zug von seiner Pfeife. Die weißen Rauchwölckchen schwebten durchs Zimmer und hinterließen ihr Aroma in der Luft. »Zudem weißt du besser als ich, dass eine Anstellung in deinem Haus  nicht ganz ungefährlich ist.«
Die Anspielung auf dieses Thema ließ leichten Zorn in mir aufsteigen. Es bereitete mir Mühe, diesen nicht in meiner Stimme mitklingen zu lassen. »Ich möchte keine Personalfirma dazwischen hängen haben. Es sollen meine direkten Angestellten sein. In diesem Haus soll alles etwas persönlicher werden, familiärer. Mich interessiert, wie die Menschen in einem kleinen, deutschen Städtchen so leben. Ich möchte ein bisschen näher dran sein. Ein Stück daran teilhaben.« 
Ein Blick in Edwards Gesicht bremste meine beginnende Euphorie. Seine buschigen, grauen Augenbrauen zogen sich noch dichter zueinander. Nachdenklich nahm er einen tiefen Zug aus seiner Pfeife. 
»Ist dir wirklich klar, was du da vorhast?«, fragte er mich mit besorgter Stimme. »Familiäre Atmosphäre? Wir reden hier von unschuldigen Kleinstadt-Menschen. Menschen, die dann deiner Obhut unterliegen. Du bist, wie du bist, vergiss das nicht.«
Er wagte es, mich zu maßregeln? Jetzt konnte ich meinen Ärger nicht mehr länger zurückhalten. »Wie könnte ich das je vergessen? Aber vielen Dank, dass du keine Gelegenheit auslässt, mich daran zu erinnern. Ich gehe einfach einmal davon aus, dass dein forsches Benehmen bereits auf deine Müdigkeit nach einem langen Arbeitstag zurückzuführen ist.«
»Auch wenn es dir nicht gefällt, muss ich dich dennoch darauf aufmerksam machen, dass wir uns gerade in einer äußerst prekären Lage befinden. Alles deutet darauf hin, dass er uns dichter auf den Fersen ist als jemals zuvor.«
»Bis jetzt sind es nicht mehr als ein paar Mutmaßungen. Und selbst wenn, er wird uns nicht mehr finden. All die Jahre hatte ich die unterschiedlichsten Pseudonyme, nun habe ich endlich wieder meine richtige Identität angenommen. Niemals wird er auf die Idee kommen, mich unter diesem Namen zu suchen. Für so dumm würde er mich nicht halten.« Über diesen genialen Schachzug von mir musste ich erneut schmunzeln. »Dazu kommt, dass niemand unseren derzeitigen Aufenthaltsort kennt. Wir selbst wussten es ja nicht einmal. Ich sage dir, Edward, wir machen uns ganz umsonst verrückt. Wenn es aber zu deiner Beruhigung beiträgt, dann lassen wir meinen Namen bei der Personalplanung raus. Du wirst dich um alles kümmern und mir die Bewerbungsunterlagen zur Einsicht vorlegen. Von mir aus stell eine Fachkraft für die bürokratische Abwicklung über eine Firma ein, damit du mehr Entlastung in diesen Dingen hast.«
»Wie mir scheint nutzt es nichts, weiter an dein Verantwortungsbewusstsein zu appellieren«, sagte Edward zynisch.
Um meinen Ärger für ihn nicht zu offensichtlich zu machen, achtete ich sehr darauf, mich ganz langsam aus dem Sessel zu erheben und meine Stimme autoritär klingen zu lassen.
»Wir machen das, wie eben besprochen. Über deine Vorgehensweise erwarte ich einen Bericht. Wünsche dir eine gute Nacht.« Ärgerlich ging ich zur Tür. 
»Warte, Julien.«
Ich drehte mich zu Edward um, der sich ebenfalls aus seinem Sessel erhoben hatte und mich mit entschuldigendem Blick anschaute.
»Dich zu verärgern lag ganz und gar nicht in meiner Absicht. Ich wollte dir nur einen kleinen Gedankenanstoß an deine eigenen Prinzipien geben.«

»Ich brauche keinen Aufpasser. Und nun entschuldige mich bitte, ich habe Hunger.« Mit diesen Worten verschwand ich in der Dunkelheit der Nacht. 


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