Leseprobe zu Sternenuntergang

In den Sternen liegt das Wissen, warum wir hier sind.
- Eine alte indianische Weisheit -


1

Ich raste wie verrückt über die Autobahn, um dem Ort zu entkommen, wo Julien mir damals die Wahrheit über sich erzählte. Weg, von dem kleinen Hotel am Meer. Weg, von all den Erinnerungen an ihn. Genau das war der Grund gewesen, warum ich überhaupt noch einmal dahin zurückgekehrt war. Ich wollte Abschied von Julien nehmen. Wollte ihn und unsere gemeinsame Zeit aus meinen Erinnerungen heraus zum Leben erwecken. Danach, so dachte ich, würde es mir besser gehen und ich in der Lage sein, einen Schlussstrich zu ziehen – doch ich irrte mich gewaltig. 
Das befreiende Gefühl, wenn man etwas Altes bewusst hinter sich lässt, blieb aus. An dessen Stelle trat unbarmherzig die Erkenntnis, dass die gemeinsame Zeit mit Julien für immer verloren war. 
Leichter Nieselregen sammelte sich auf der Frontscheibe und lief in Tropfen hinunter. Genau wie die Tränen aus meinen Augen. Mein Fuß drückte das Gaspedal weiter durch. Da es früh am Morgen war, konnte ich meinem Verlangen nach einer schnellen Flucht ungehindert nachkommen. Nur wenige Autos fuhren dem Horizont entgegen, der sich von dem grauen Dunstschleier des Himmels kaum abhob. 
Ich wischte mir mit meinem Ärmel die Tränen davon und konzentrierte mich auf mein nächstes Ziel: Die »Villa Claire«. 
Dort, wo alles angefangen und schließlich sein Ende genommen hatte. Sie trug nun meinen Namen, aber mich und die Villa verband noch mehr. Julien hatte uns beide zurück ins Leben geholt. Durch ihn erstrahlte ihr Inneres im neuen Glanz durch Tapeten, Böden, neuer Einrichtung … und meins durch seine Liebe. Doch wir schliefen beide wieder ein, als Julien ging.
Aber ich wollte nicht mehr länger schlafen. Mein ganzes bisheriges Leben hatte ich in einer Art Dämmerschlaf verbracht. Mich selbst kaum noch gespürt. In diesen Zustand der Selbstaufgabe wollte ich nicht mehr zurück. Darum musste ich mich von den unsichtbaren Ketten der Vergangenheit lösen, die mich wieder aus dem gegenwärtigen Leben herauszogen. 
Der Schlüssel, um mich von diesen zu befreien, lag eingepackt in einem Karton neben mir auf dem Beifahrersitz. Er beinhaltete Gegenstände, die mich mit Julien verbanden. Das waren die sichtbaren Dinge, aber unsichtbar barg er all meine Erinnerungen und Sehnsüchte. Nun war es an der Zeit, sie für immer zu begraben, um zurück ins Leben zu finden. Im Garten der Villa war der passende Platz dafür, da ich das gesamte Anwesen zu meinem persönlichen Katastrophengebiet erklärt hatte. 
Seitdem ich vor zwei Jahren dort auszog, war ich nicht mehr da gewesen, obwohl die Villa am Stadtrand meines Heimatortes lag. Sie war einzigartig für das kleine deutsche Städtchen. Es gab kein vergleichbares Haus dieser Größe und Bauweise aus dem achtzehnten Jahrhundert. Dennoch war die Villa wieder so gut wie in Vergessenheit geraten. Nur die Aufforderungen der Stadt, für das Schneiden der Büsche und Sträucher zu sorgen, erinnerten mich daran, dass es sie gab. Ich ertrug es nicht mehr, überhaupt in ihre Nähe zu kommen. Jeder einzelne Stein dieser Mauern ließ mich an Julien denken. In ihnen steckte sein Wesen. Von mir spukten lediglich die zerstörten Hoffnungen und Träume wie dunkle Geister durch die Räume. Noch hundert Kilometer und wir würden uns wieder gegenüberstehen. 
Mental bereitete ich mich die restliche Fahrt auf diesen Augenblick vor. Sah die Villa vor mir, wie sie sich mit ihrem weißen Anstrich und ihrer beeindruckenden Größe von der Umgebung abhob. Die imposante Haupttreppe aus hellem Granitstein, die direkt zum Haupteingang führte. Wie die spitzen Türme hoch in den Himmel ragten und der Villa das Antlitz eines Märchenschlosses verliehen. Ja, in ihr hatte ich Märchen und Tragödie gleichermaßen erlebt. 
Nach gut einer Stunde tauchte vor mir die Autobahnausfahrt auf. Nur noch wenige Minuten und ich hatte mein Ziel erreicht. Desto näher ich dem Grundstück kam, desto langsamer wurde meine Geschwindigkeit. Rechts von mir tauchten die Wälder auf, links das freie Feld, welches unter seiner Frostschicht dem Morgen entgegen glitzerte. Die Bushaltestelle zeigte mir, dass ich gleich da sein würde. Schmerzhaft zog sich mein Magen zusammen. Wie Geister sah ich mich und Julien den langen Weg entlang spazieren. Oft hatte er mich begleitet, weil er der Meinung war, es sei zu gefährlich für eine Frau, allein diesen Weg direkt am Wald zu gehen. 
Das schrille Hupen eines vorbeifahrenden Autos riss mich aus meinen Gedanken. Vor Schreck fuhr ich auf den Grünstreifen neben dem Weg, wo ich zum Stehen kam. Wütend deutete ein junger Mann auf den Tacho seines Wagens und schüttelte verständnislos den Kopf. 
»Gut, Claire, jetzt bring zu Ende, was du angefangen hast«, sprach ich mir leise Mut zu. Entschlossen nahm ich den Karton und stieg aus. Die kalte Winterluft weckte augenblicklich meine Muskeln, nach der langen Fahrt vom Meer, zurück hierher nach Hause. Den Blick starr geradeaus gerichtet, ging ich die letzten Meter zu Fuß. Neben mir tauchte aus dem Augenwinkel die hohe Mauer des Grundstücks auf. Meine Nervosität nahm zu und ich verstärkte den Griff um den Karton, als könnte ich mich daran festhalten. Erst als ich das schmiedeeiserne Tor wahrnahm, blieb ich stehen. Langsam drehte ich meinen Kopf zur Seite. Der Anblick der Villa sauste direkt in mein Herz. Er traf mich so schwer, dass ich für einen Moment keine Luft mehr holen konnte. 
Achtungsvoll thronte sie inmitten des verwilderten Gartens. Als wäre sie in einen totenähnlichen Schlaf verfallen, war das einzig Lebendige der Wind, der durch das dichte Unkraut und die kahlen Äste der riesigen Bäume pfiff. An allen Fenstern waren die Rollos heruntergelassen, so, als hätte die Villa ihre Augen geschlossen. An den unteren Jalousien hatten sich wieder einmal Vandalisten ausgelassen. Mit schwarzer Sprühfarbe hatten sie sich auf den einst weißen Lamellen verewigt. Zum Glück waren die wunderschönen Steinarbeiten und Ornamente verschont geblieben, die die Erker schmückten. Der Brunnen in der Auffahrt war nicht ungeschoren davongekommen. Sein rundes Becken war nun mit bunten Graffitis dekoriert.
Es war nicht zu übersehen, dass sich niemand mehr wirklich um das Anwesen kümmerte. Die beiden Löwen neben dem Haupttor schauten von ihren Sockeln vorwurfsvoll auf mich hinab. Ihre dreckigen Augen sagten nichts anderes als: »Wieso hast du nicht besser auf uns achtgegeben, Claire?«
Bevor das schlechte Gewissen übermächtig werden konnte, zog ich den Schlüssel aus der Tasche, um den Seiteneingang bei dem Pförtnerhäuschen zu öffnen. Selbst das hatte seinen Teil abbekommen. Die Scheiben waren eingeschmissen und die Wände hatten als Leinwände herhalten müssen. 
Mit meiner freien Hand drückte ich gegen die kalten Eisenstäbe, um das Seitentor zu öffnen. Quietschend gab es nach. Vor mir lag der breite Hauptweg, gesäumt von alten Bäumen, dessen Äste in den diesigen Himmel ragten. Zögernd blieb ich stehen. Es war, als würde mich eine unsichtbare Barriere davon abhalten, das Grundstück zu betreten. Ich konnte die Geister förmlich sehen, wie sie durch die Stämme der Bäume schwebten, nur auf mich wartend, um mich zurück in eine vergangene Zeit zu schleifen. Für einen Moment schloss ich meine Augen, hörte auf die Stimme in mir. »Lass ihn endlich hinter dir.«
Tief Luft holend ging ich los. Leise knirschte der Kies unter meinen Schuhen und jeder Schritt machte mir das Atmen schwerer. Zog das imaginäre Tau um meine Kehle fester zu. Je näher ich der Villa kam, umso lebendiger wurden die Erinnerungen. 
Könnte ich die Zeit zurückdrehen und Julien noch einmal in der Bibliothek kennenlernen, ich würde heute alles anders machen. 
Tränen stiegen wieder in mir auf. Der innere Druck wurde zu groß. So schnell ich konnte, rannte ich los. Ich musste die Sache jetzt endgültig zu Ende bringen. 
Als wolle mich das dichte Dornengestrüpp von meinem Vorhaben abhalten, verhedderte es sich immer wieder an meiner Stoffhose. Energisch riss ich es mit meiner Hand weg, achtete nicht darauf, dass sich die kleinen Spitzen in meine Haut bohrten. Jeder Schmerz war besser, als der, der in meiner Brust saß. 
Im hinteren Teil des Gartens, bei den ehemaligen Pferdeställen hielt ich an. Laut donnerte mein Pulsschlag durch meinen Körper. Schnell holte ich den Schlüssel aus der Tasche, um die Tür des Stalls zu öffnen. Doch die wollte mir genauso wenig den Weg freigeben, wie die Dornensträucher. Energisch stellte ich den Karton auf den Boden.
»Verdammt jetzt geh auf«, schrie ich, rüttelte und drückte wie verrückt an der Klinke. Erst als ich mich mit meinen Schultern gegen die Tür schmiss, gab sie nach. Ich konnte mich gerade noch auf den Beinen halten, bevor ich in den Stall stolperte. Mit Entsetzen starrte ich auf die leeren Pferdeboxen. Gnadenlos beschworen sie Julien herauf. Bilder überfluteten mich. Eine Winternacht und ein Ausritt, der alles verändert hatte. Es war der Moment gewesen, wo ich mir eingestand, mich in Julien verliebt zu haben. 
Das war zu viel für mich. Der Damm in mir brach endgültig. Unaufhaltsam liefen mir Tränen über die Wangen. Ich schnappte mir einen Spaten, der an der Wand neben einigen anderen Utensilien hing, und lief hinaus. 
Immer wieder hieb ich auf die gefrorene Erde ein, aber sie wollte das Grab für Juliens Erinnerungen nicht hergeben. Ich verlor jegliche Kontrolle. Schrie, donnerte den Spaten wie irre in den Boden, bis ich unter einem Heulkrampf zusammenbrach. Mit starrem Blick, zu keiner Regung mehr fähig, blieb ich einfach liegen. 
»Wieso kann ich dich einfach nicht vergessen?«, wimmerte ich dem stillen Morgen entgegen. Diese Frage wurde wieder mit einer Flut aus Bildern von meinem vergangenen Leben beantwortet. 
Es war die Kälte, die meinen Körper irgendwann zur Bewegung zwang. Eigentlich hatte ich mir geschworen, es nie wieder anzuwenden, aber nun musste ich noch ein letztes Mal auf eine Überlebensstrategie aus meiner Kindheit zurückgreifen. Als Kind verfügte ich über die Fähigkeit, das Unertragbare ertragbar zu machen, indem ich meine Gefühle abstellte. Auch wenn ich wusste, dass dieses Vorgehen drastische Konsequenzen nach sich ziehen konnte, tat ich es dennoch. Hauptsache es hörte endlich auf wehzutun. Ich wollte nichts mehr fühlen.
Langsam setzte ich mich auf, nahm mechanisch den Karton und ging zurück in den Stall. Über eine Leiter erreichte ich den staubigen, leeren Speicher. In einer Nische stellte ich den Karton ab. Drückte als letzten Gruß meine Lippen auf die kalte Folie und ließ meine Zeit mit Julien auf dem dunklen Dachboden zurück. Inständig hoffte ich, auch das Geheimnis um ihn für immer dort lassen zu können.



2

Es brauchte zwar etwas, aber es begann mir besser zu gehen. Woran es nun lag, konnte ich nicht sagen. Vielleicht hatte am Ende doch das bewusste Abschied nehmen meiner Seele geholfen oder aber der Schutzmechanismus aus meiner Kindheit funktionierte noch immer. Mir war es gleich, denn jetzt, knapp ein Jahr später, hatte sich mein Leben grundlegend verändert. Ich hatte alles hinter mir gelassen und in drei Wochen würde ich heiraten. Leif, meinen zukünftigen Mann, den ich seit meiner Jugendzeit kannte. 
Heute Abend holte mich die Vergangenheit aber wieder unbarmherzig ein, da ich unbedingt etwas mit Leif besprechen musste, was keinen Aufschub mehr duldete. Darum hatte ich mich mit ihm zum Essen bei unserem Lieblingsitaliener verabredet. Wenn ich über schwierige Dinge reden musste, tat ich es bis heute gerne in einer öffentlichen, neutralen Umgebung. Diese Angewohnheit rührte noch aus einer früheren Beziehung zu meinem Freund Markus her, wo es bei Schwierigkeiten oft zu Eskalationen kam. Ein altes Muster, welches ich unbedingt ablegen musste. Auf meiner imaginären Liste von Dingen, die ich an mir noch ändern wollte, setzte ich diesen Punkt gleich an oberste Stelle. 
Doch nun ging es erst mal um etwas ganz anderes. Was mir deutlich mehr Magenschmerzen verursachte. 
Meine Büchereikollegen waren schon gegangen und ich stand noch vor dem Spiegel in der Damentoilette, um mich nach einem langen Arbeitstag etwas frisch zu machen, bevor ich mich mit Leif traf. Ich löste die Haarspange, sodass mir mein blondes Haar locker auf die Schulter fiel. Mit ein wenig Haarspray brachte ich den Stufenschnitt in Form und zupfte mir den schrägen Pony leicht in die Stirn. Auf der Arbeit schminkte ich mich stets dezent, aber da ich nun Feierabend hatte, zog ich mir die Lippen in einem intensiven Rot nach und betonte meine blauen Augen mit dunklen Kajal. Zum Schluss noch ein paar Spritzer von Leifs Lieblingsparfüm und ich war wenigsten äußerlich bereit für dieses unangenehme Gespräch. 
Ich machte das Licht in der Bücherei aus und schloss die Tür zu. Schon nach wenigen Schritten zog ich mir die Handschuhe über. Das neue Jahr brachte nicht nur viele gute Vorsätze, sondern auch eisige Kälte mit sich. Zum Glück war das Restaurant nicht weit entfernt. Langsam ging ich die Straßen entlang, während meine Gedanken zu Leif wanderten. 
Mit fünfzehn hatten wir uns kennengelernt und verbrachten unsere gesamte Jugendzeit in derselben Clique. Leif war schnell zu meinem besten Freund geworden, was leider irgendwann nicht mehr auf Gegenseitigkeit beruhte, da er sich in mich verliebte. Gerade als ich auch begann, andere Gefühle für ihn zu entwickeln, trat Markus in mein Leben. Es erwischte mich so schwer, dass es nur noch Markus für mich gab. Diese Beziehung war der Anfang von meinem Ende. Der Kontakt zu Leif und allen anderen aus der Clique brach ab. 
Damals, als ich aus der Villa auszog, führte mich das Schicksal erneut mit Leif zusammen. Weniger dramatisch ausgedrückt, war es meine beste Freundin Stella. Sie lud Leif zu ihrer Geburtstagsparty ein. Eigentlich drückte ich mich vor jedem Treffen, wo mehr als zwei Personen anwesend waren, aber da es ihr letzter Geburtstag mit einer Zwei vorne war, akzeptierte sie keine Ausreden. 
Zu diesem Zeitpunkt befand sich meine Stimmung wieder einmal auf einem absoluten Tiefpunkt. Die anfängliche Euphorie über meine neue Wohnung war verflogen, denn dadurch wurde mir erst richtig bewusst, dass ich mein Leben ohne Julien führen musste. Auf einer Halloween Party hätte ich sicher eine Auszeichnung für meine Gruselstimmung bekommen, aber auf einer ausgelassenen Geburtstagsfeier, war ich komplett fehl am Platz. 
Leif merkte sofort, dass es mir nicht gut ging, aber alle Versuche ihn zu vergraulen schlugen fehl. Genau wie in den nächsten Wochen auch. Er war für mich da, obwohl ich drohte in meiner Gleichgültigkeit zu ertrinken und ein Abo auf schlechte Laune hatte. Selbst als ich ihm unmissverständlich klar machte, dass ich niemals einen anderen Mann so lieben würde wie Julien, wendete Leif sich nicht von mir ab. 
Leifs Beharrlichkeit zahlte sich am Ende aus. Wir wuchsen zusammen und es entwickelte sich etwas zwischen uns. Ich empfand eine tiefe Verbundenheit für ihn, die eine andere Art der Liebe war. Er konnte mich auf seine Weise glücklich machen. Würde mich jemand nach seinen schlechten Eigenschaften fragen, wüsste ich keine Antwort drauf. Leif war verständnisvoll, einfühlsam und zärtlich. 
Letzteres erfuhr ich bei einer Flasche Wein, wo ich mich seinen verführerischen Avancen schließlich geschlagen gab. Wir verbrachten eine wundervolle Nacht. Damit schloss ich endgültig mit Julien ab. Er würde nie wieder zu mir zurückkommen, weil er immer das sein würde, was er war. Das hatte ich jetzt begriffen. 
Nach ein paar Monaten zogen Leif und ich in eine gemeinsame Wohnung. Es tat unglaublich gut zu merken, wie ich einen anderen Menschen glücklich machen konnte. Der gemeinsame Sommer war geradezu berauschend, voller Liebe und Leidenschaft. Im Herbst erreichte unsere Beziehung dann ihren Höhepunkt. Mitten auf dem Oktobermarkt, unser Highlight der Stadtfeste, wo die gesamte Innenstadt für ein Wochenende gesperrt und überall Bühnen und Buden aufgebaut waren, machte Leif mir einen Heiratsantrag. 
Plötzlich stand er auf einer der Bühnen und nahm das Mikro in die Hand. »Claire Martens, ich liebe dich, seit dem Moment, als du das erste Mal in mein Leben getreten bist. Willst du meine Frau werden?«
Berauscht von der Stimmung und dem Glühwein musste ich nicht mehr lange über eine Antwort nachdenken. Als ich ihm das »Ja« entgegen rief, begann die Menge zu grölen. Sie machten eine Gasse für mich, sodass ich zu Leif auf die Bühne konnte. Dort fielen wir uns unter tosendem Applaus in die Arme, der noch weiter anstieg, als wir uns küssten. Dieser Moment war absolut ergreifend. Wie in einem Film. 
Ja, das Leben hatte mich zurück und sollte von nun an eine normale Zukunft für mich schreiben. Die jetzt hoffentlich noch weiterging, wenn ich erst mit Leif geredet hatte. Viel zu lange hatte ich dieses Gespräch vor mir hergeschoben.
Mit mulmigen Gefühl öffnete ich die schwere Holztür des Restaurants. Warme Luft, angereichert mit den Duft würziger Kräuter schlug mir entgegen. Sonst regte dieses genüssliche, italienische Aroma sofort meinen Appetit an, aber heute konnte ich keinen Gedanken ans Essen verschwenden. Stefano, der Inhaber, kam breit grinsend auf mich zu.
»Guten Abend, Frau Martens. Darf ich Ihnen Ihren Mantel abnehmen? Ihr Mann sitzt bereits hinten am Tisch.« 
Bei der Bezeichnung »ihr Mann«, ging ein Kribbeln durch meinen Körper. Nur noch wenige Wochen und ich würde Leifs Frau sein. Frau Farell, nicht mehr Frau Martens. Ich würde seinen Namen tragen. 
Als Leif mich sah, stand er sofort auf und kam auf mich zu. Da er auch direkt von der Arbeit aus der Kanzlei kam, trug er noch seinen Anzug. Das schwarze Jackett und weiße Hemd betonten seine große, schlanke Gestalt. Wie immer waren seine hellblonden Haare ordentlich frisiert. Glatt, ohne das sich eine Strähne gelöst hatte, lagen sie perfekt gescheitelt auf der Stirn, wo mich unter den Spitzen seine grünen Augen anstrahlten. Sie blitzten mich regelrecht an. Eigentlich war Leif in der Öffentlichkeit sehr zurückhaltend mit Emotionen, aber jetzt zog er mich an sich und gab mir einen intensiven Kuss. 
»Wie war dein Tag, mein Schatz?« Überschwänglich rückte er mir meinen Stuhl zurecht und wartete gar keine Antwort ab. »Ich habe dir schon mal deinen Lieblingswein bestellt«, sagte er ungewohnt aufgekratzt. 
Mein Blick wanderte auf die weiße Tischdecke, wo neben einer Kerze bereits zwei Gläser Rotwein standen. Leise Gitarrenklänge drangen durch die Lautsprecherboxen, die die romantisch, rustikale Atmosphäre des Raumes noch unterstreichen sollten, mich aber in keiner Weise erreichten. Irgendetwas führte Leif im Schilde. 
Leicht verunsichert setzte ich mich auf den Stuhl. 
»Heute ist unser absoluter Glückstag, Claire.« Leif öffnete den Knopf seines Jacketts, bevor er auf dem Stuhl mir gegenüber Platz nahm. Mit geschickten Fingern lockerte er den Knoten seiner Krawatte. 
Ich nahm mein Glas Wein und trank einen großen Schluck. Mit Glück hatte mein Tag wenig zu tun gehabt. Viel zu oft war mir der Name durch den Kopf geschwirrt, den ich mir verboten hatte zu denken. 
»Da bin ich aber mal gespannt«, sagte ich mehr automatisch, als dass ich wirkliches Interesse entwickeln konnte.
»Ich habe dir doch davon erzählt, dass die Nachbarn meines Kollegen ihr Haus verkaufen wollen. Der Makler hat das Expose erstellt und wir sind die Ersten, die es bekommen. Claire, das ist eine einmalige Gelegenheit. Das Haus befindet sich in der besten Lage der Stadt. In einem Neubaugebiet direkt am Feldrand. Es ist erst zwei Jahre alt.« Aufgeregt griff Leif sich seine Aktentasche, die neben seinem Stuhl stand. Er holte eine schwarze Mappe raus, die er über den Tisch zu mir schob und blätterte schnell durch die Seiten. »Sieh dir die Fotos an. Ist das nicht fantastisch?«
Was ich registrieren konnte, war ein großes Haus mit weißen Klinkersteinen, bedeckt mit grau glänzenden Dachziegeln. Dann folgten Bilder von modern eingerichteten Wohnräumen. Zuletzt ein riesiger Garten mit Spielgeräten für Kinder. 
Leif ließ die Mappe los und nahm meine Hände. 
»Claire, mit diesem Haus haben wir den absoluten Jackpot gezogen. Sechs Zimmer, mehr als genug Platz. Wir könnten uns den Traum von einer großen Familie ohne Problem ermöglichen.«
Schon befand sich ein dicker Knutscher auf meinen Lippen, während mein Druck im Magen immer doller wurde. 
Früher war es ein großer Wunsch von mir gewesen, einmal selber Kinder zu haben, aber als ich mit Julien zusammen kam, spielte das keine Rolle mehr für mich, da es ausgeschlossen war, jemals welche mit ihm zu bekommen. Darum legte ich dieses Kapitel als abgeschlossen zur Seite, woran sich bis heute nichts geändert hatte.
»Was meinst du? Gefällt es dir?«
»Es sieht großartig, aber auch sehr teuer aus.«
Lachend lehnte sich Leif zurück und griff nach seinem Glas Wein. »Das wird alles kein Problem sein. Die Kanzlei meines Vaters läuft hervorragend. Eines Tages werde ich sie übernehmen, darum gibt es kein Problem mit dem Kredit. Im Zweifelsfall würde mein Vater die Bürgschaft übernehmen.«
Jetzt brauchte auch ich einen weiteren Schluck Wein. Kinder, Haus, alles kein Problem. Leif hatte wie immer alles im Griff. Servierte mir das normale Leben auf dem Silbertablett. Ich musste nur zugreifen. Doch wenn man einmal wusste, dass die Welt nicht so ist, wie sie zu sein scheint, dann war das nicht mehr so einfach. Genüsslich trank Leif von seinem Wein. »Ich werde einen Besichtigungstermin ausmachen und dann können wir es uns in Natura ansehen. Du wirst begeistert sein, Claire. Wir sind jetzt Ende zwanzig. Das ist die beste Zeit, sich etwas Eigenes aufzubauen.«
»Gut, schauen wir es uns an«, sagte ich mit künstlichem Lächeln, was mehr als gequält war. Denn jetzt war es bitter nötig, Leif endlich die Wahrheit zu sagen. 
»Ich muss mir dir reden. Es geht um unsere Hochzeit.«
Leifs Miene spannte sich schlagartig an. Kritisch nahm er mich in Augenschein.
»Was meinst du? Gibt es Probleme bei der Organisation? Ich kann dir gern dabei helfen, wenn es dir zu viel wird.«
»Nein, darum geht es nicht.« Ich leerte mein Glas mit einem Zug, in der Hoffnung, dass ich sicherer werden würde. »Kennst du die alte Villa am Stadtrand?«
»Du meinst die, die vor ein paar Jahren restauriert wurde? Ich hoffe, du willst mir jetzt nicht sagen, dass du lieber dort wohnen möchtest. Dafür wird mein Gehalt nicht ausreichen«, sagte Leif lachend und nahm wieder entspannt einen Schluck aus seinem Glas. 
»Nein – sie gehört mir.«
Prompt verschlucke er sich. Hustend hielt Leif sich die Serviette vor den Mund, damit der Wein nicht noch auf dem Tisch landete. »Du willst mich auf den Arm nehmen?«
Mir war ganz und gar nicht nach Scherzen zumute. Über Dinge zu sprechen, die auch nur ansatzweise etwas mit Julien zu tun hatten, setzte mir nach wie vor noch zu. 
»Julien hat sie mir geschenkt, nachdem er gegangen ist.«
Wie erstarrt schaute mich Leif an. Langsam stellte er das Glas auf den Tisch.
»Du willst mir also sagen, dass dein Ex dich verlässt, dir aber als Abschiedsgruß eine Villa schenkt? Ist nicht dein Ernst?«
Schnell winkte ich dem Kellner zu, der auch sofort kam, die Menükarten in der Hand. 
»Guten Abend. Hier die Speisekarten. Darf ich Ihnen noch etwas zu trinken bringen?« Er holte seinen Stift aus der Tasche und schlug seinen Block auf. 
»Einen Whisky bitte«, gab ich meine Bestellung auf. 
»Für mich auch. Aber einen doppelten«, sagte Leif sichtlich blass im Gesicht. Der Kellner drehte sich um und ging zur Theke zurück. 
»Habe ich das gerade richtig verstanden? Diese alte Villa gehört dir?« Fassungslos schüttelte Leif den Kopf. »Julien kann sie dir doch nicht einfach schenken? Die muss ein Vermögen kosten. Wie kommt er dazu und warum hast du nie davon erzählt?«
»Ich habe keine Ahnung, warum er das gemacht hat. Und es interessiert mich auch nicht.« Es war mir zuwider über Julien zu sprechen. Im Stillen über ihn nachzudenken war eine Sache, aber wenn Worte plötzlich wieder einen Klang bekamen, war das was ganz anderes. Darin schwang immer der Hauch von Lebendigkeit mit. Und ich wollte nicht mehr, dass Julien lebendig wird. Gereizt lehnte ich mich zurück. 
»Mir ist es wichtig, dass diese Sache aus unserer Beziehung rausgehalten wird. Darum möchte ich dich um einen Ehevertrag bitten.«
»Das glaube ich jetzt nicht«. Impulsiv stand Leif von seinem Stuhl auf, ging einmal um ihn herum und setzte sich wieder. 
Zorn kannte ich bei Leif eigentlich kaum. Doch jetzt war es offensichtlich, wie er genau mit diesem zu kämpfen hatte. 
»Eine Ehe bedeutet vertrauen. Das ist ein Gefühl, was von Herzen kommt. Und du willst darüber einen Vertrag schließen?«
Der Kellner trat an unseren Tisch heran. Bevor er überhaupt die Gelegenheit hatte, die Gläser vor uns abzustellen, nahm sich Leif eines davon direkt vom Tablett. Mit einem Zug trank er es aus. »Noch einen.« 
Irritiert stellte der Ober mein Glas vor mir ab und nahm das leere von Leif. »Selbstverständlich.«
Gleich nachdem der Kellner außer Hörweite war, nahm ich das Gespräch wieder auf. 
»Das hat nichts mit Vertrauen zu tun. Ich wollte diese Villa nie haben. Damals, als Julien ging, war ich mit der ganzen Situation überfordert. Die Verträge habe ich wie in Trance unterschrieben. Mir war gar nicht klar, was das alles bedeutete. Edward kümmert sich um die ganzen finanziellen Sachen. Ich will mit all dem nichts zu tun haben. Aber jetzt ist alles so, wie es ist, und ich möchte nicht, dass dieser Besitz mit in unsere Ehe reinspielt. Auch wenn auf dem Papier steht, dass die Villa mir gehört, ist es nicht richtig. Sie gehört Julien.«
Schon wieder musste ich seinen Namen laut aussprechen, der schmerzhaft an meinen inneren Narben rührte. Ich brauchte all meine Kraft, um die aufsteigenden Bilder von ihm zu unterdrücken.
Leifs Hände schlossen sich um meine. Sein Daumen drehte den schlichten, silbernen Ring, der sich seit vier Jahren an meinem Ringfinger befand.
»So, wie ihm auch dieser Ring gehört.«
Schnell zog ich meine Hände zurück, dicht an meinen Bauch.
»Das ist etwas anderes. Darüber haben wir gesprochen. Dieser Ring steht nicht für Julien, sondern für mein neu gewonnenes Leben. Was auch immer passiert ist, aber ich habe ihm eine Menge zu verdanken.«
Leif schaute nachdenklich ins Leere.
»Es ist Juliens Villa, nur aus diesem Grund will ich den Ehevertrag.«
»Du hast wirklich keine Gefühle mehr für ihn?«
Ich griff Leifs Hände und beugte mich zu ihm über den Tisch. 
»Nein, Leif. Du bist jetzt mein Leben und meine Zukunft.«
»Dann werde ich deiner Bitte zustimmen, Claire.«

Als ich am Abend allein im Bad war, merkte ich erst, wie sehr mich dieser heutige Tag berührt hatte. Erschöpft setzte ich mich auf den Rand der Badewanne. Als würde der Ring an meiner linken Hand plötzlich Zentner wiegen, zog er beschwörend seine Aufmerksamkeit auf sich und vereinte sich mit der Stimme meines Herzens, die mir sagte, dass ich ihn nicht nur um meiner Selbstwillen trug. Ungewollt kamen mir die Tränen, während ich den Ring langsam vom Finger zog. Es war das erste Mal, dass ich ihn abnahm, nachdem ihn Julien mir damals aufgesteckt hatte. Er wollte mein Herz nicht haben und nun gehörte es Leif. Ich umschloss den Ring mit der Hand, während meine Tränen auf sie hinabliefen. Entschlossen drückte ich die Finger zusammen, so doll, bis es schmerzte. Dies waren meine letzten Tränen, die ich wegen Julien Decardes vergießen würde ...




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